Der RZF beim Angus-Rind – was sagt er aus und warum verändert er sich?
Zuchtwerte verstehen: Wie sich der Relative Zuchtwert Fleisch zusammensetzt, warum er sich verändert und wie er bei der Zuchttierauswahl hilft.
Der Relative Zuchtwert Fleisch, kurz RZF, ist eine wichtige Kennzahl in der Angus-Zucht. Er hilft Züchtern dabei, das genetische Potenzial eines Rindes einzuschätzen und verschiedene Zuchttiere miteinander zu vergleichen.
Doch was bedeutet es eigentlich, wenn ein Angus-Bulle einen RZF von 120 hat? Warum besitzen manche Tiere deutlich höhere Werte als andere? Und weshalb kann sich der RZF eines Tieres von Jahr zu Jahr verändern, obwohl dessen Erbanlagen gleich bleiben?
Um den RZF richtig nutzen zu können, muss man verstehen, wie er sich zusammensetzt und welche Informationen in seine Berechnung einfließen.
1. Was ist der RZF?
Der RZF beschreibt die geschätzte genetische Veranlagung eines Rindes für wichtige Merkmale der Fleisch- und Aufzuchtleistung.
Es geht dabei nicht nur darum, wie schwer oder gut bemuskelt ein Tier selbst ist, sondern vor allem darum, welche Eigenschaften es voraussichtlich an seine Nachkommen weitergeben kann.
Das ist ein wesentlicher Unterschied.
Ein Angus-Bulle kann beispielsweise selbst sehr hohe Tageszunahmen erzielen, weil er unter besonders guten Fütterungsbedingungen aufgewachsen ist. Diese hohe Eigenleistung ist jedoch nicht zwangsläufig vollständig genetisch bedingt.
Umgekehrt kann ein Tier aus einer extensiven Weidehaltung stammen und trotzdem hervorragende genetische Anlagen für Wachstum besitzen.
Bei der Zuchtwertschätzung versucht man deshalb, Umwelteinflüsse und genetische Unterschiede möglichst voneinander zu trennen.
Der RZF ist somit keine reine Leistungsnote, sondern eine statistische Einschätzung des vererbbaren Leistungspotenzials.
Eigenleistung und Zuchtwert – der Unterschied
Eigenleistung
Was hat das Angus-Rind selbst tatsächlich geleistet?
Gewicht · Wachstum · BemuskelungZuchtwert
Welches genetische Potenzial kann es weitergeben?
Statistische Schätzung2. Wie setzt sich der RZF zusammen?
Beim deutschen Angus-Rind berücksichtigt der RZF drei wichtige Merkmalsbereiche, die unterschiedlich gewichtet werden.
Die Zusammensetzung des RZF
40 % – Maternale Aufzuchtleistung (ZWmat)
Die maternale Aufzuchtleistung beschreibt die genetische Veranlagung für den mütterlichen Einfluss auf das Wachstum der Kälber bis zum 200. Lebenstag.
Gerade bei Angus-Rindern in der Mutterkuhhaltung ist dieser Wert besonders interessant. Die Gewichtsentwicklung eines Kalbes während der Säugezeit hängt schließlich nicht nur von seinen eigenen Erbanlagen ab. Auch die Mutter hat einen großen Einfluss. Dazu gehört insbesondere die Milchversorgung ihres Kalbes.
Ein Angus-Bulle mit einem hohen ZWmat besitzt eine positive genetische Veranlagung für die spätere Aufzuchtleistung seiner Töchter. Wenn diese selbst als Mutterkühe eingesetzt werden, kann sich das auf die Entwicklung ihrer Kälber auswirken.
40 % – Tägliche Zunahme (ZW_TZ)
Dieser Wert beschreibt die genetische Veranlagung für das Wachstum bis zum 365. Lebenstag.
Bei der Fleischrinderzucht spielt die Gewichtsentwicklung eine wichtige wirtschaftliche Rolle. Ein Tier, das aufgrund seiner genetischen Veranlagung gute Tageszunahmen erzielt, kann unter geeigneten Bedingungen schneller das gewünschte Vermarktungsgewicht erreichen.
Der ZW_TZ ermöglicht es, verschiedene Angus-Zuchttiere hinsichtlich ihres genetischen Wachstumspotenzials zu vergleichen. Dabei sollte man beachten, dass ein hoher ZW_TZ nicht bedeutet, dass alle Nachkommen automatisch besonders schnell wachsen.
Fütterung, Gesundheit, Haltung und die genetische Veranlagung der Mutter beeinflussen die tatsächliche Entwicklung ebenfalls.
20 % – Bemuskelung (ZW_B)
Der dritte Teilzuchtwert beschreibt die genetische Veranlagung für die Bemuskelung. Dabei geht es um die Ausprägung wichtiger Muskelpartien, etwa an Keule, Rücken und Schulter.
Für die Angus-Zucht ist eine gute Bemuskelung ein wichtiger Bestandteil der Fleischleistung. Ein hoher ZW_B bedeutet, dass das Tier eine überdurchschnittliche genetische Veranlagung für die erfasste Bemuskelung besitzt.
Allerdings ist dieser Wert kein direkter Nachweis für eine bestimmte Ausschlachtung, Fleischmarmorierung oder Fleischqualität. Auch ein gut bemuskeltes Angus-Rind muss weiterhin einen funktionalen Körperbau, korrekte Fundamente und gute Gebrauchseigenschaften besitzen.
3. Was bedeutet ein RZF von 100, 110 oder 120?
Der RZF ist ein relativer Zuchtwert. Er wird mit einer festgelegten genetischen Bezugsgruppe verglichen. Der Mittelwert liegt bei 100 Punkten, die genetische Standardabweichung beträgt 12 Punkte.
Die RZF-Skala beim Angus
Genetische Indexwerte – keine Prozent- oder Kilogrammskala.
Ein Angus-Bulle mit einem RZF von 120 besitzt eine deutlich überdurchschnittliche geschätzte genetische Veranlagung für die Merkmale, die im RZF zusammengefasst werden.
Ein Wert von 100 entspricht dem Mittelwert der aktuellen Bezugsgruppe. Ein RZF von 90 liegt unter diesem Mittelwert.
4. Warum reicht der Gesamt-RZF allein nicht aus?
Zwei Angus-Bullen können denselben Gesamt-RZF besitzen, obwohl ihre genetischen Stärken unterschiedlich verteilt sind.
Ein Bulle kann besonders gute Anlagen für die maternale Aufzuchtleistung besitzen. Bei einem anderen können dagegen hohe Tageszunahmen im Vordergrund stehen.
Zwei Angus-Bullen mit unterschiedlichen Stärken
Fiktives Beispiel der Teilzuchtwerte – keine offizielle Berechnung eines Gesamt-RZF.
Bulle A
Schwerpunkt Aufzuchtleistung
Bulle B
Schwerpunkt Wachstum
Für einen Angus-Herdbuchbetrieb, der viele weibliche Nachkommen zur eigenen Bestandsergänzung aufzieht, kann die maternale Aufzuchtleistung einen besonders hohen Stellenwert besitzen.
Ein Betrieb, der hauptsächlich Absetzer oder Masttiere erzeugt, legt möglicherweise einen größeren Schwerpunkt auf die tägliche Zunahme.
Deshalb ist nicht automatisch der Bulle mit dem höchsten Gesamt-RZF auch der passendste Bulle für jede Herde.
5. Wie entsteht der RZF eines Angus-Rindes?
Der RZF wird nicht einfach aus dem Gewicht des Tieres berechnet. Hinter ihm steckt eine statistische Zuchtwertschätzung. Dafür werden unterschiedliche Informationen miteinander verknüpft.
Welche Informationen fließen in die Schätzung ein?
Bei einem jungen Angus-Kalb sind zunächst vor allem die Abstammung und gegebenenfalls genomische Informationen verfügbar. Später kommen die eigenen Gewichts- und Bemuskelungsdaten hinzu.
Wird das Tier als Zuchtbulle eingesetzt, können schließlich die Leistungen seiner Nachkommen die Schätzung zusätzlich absichern. Auf diese Weise entwickelt sich der RZF mit der zunehmenden Informationsgrundlage weiter.
6. Warum verändert sich der RZF?
Eine häufige Frage in der Angus-Zucht lautet: Warum hatte mein Bulle im vergangenen Jahr einen RZF von 118 und jetzt nur noch 114?
Die Gene des Bullen haben sich nicht verändert. Verändert hat sich die Einschätzung seines genetischen Potenzials oder der Maßstab, mit dem dieses verglichen wird.
Dafür gibt es fünf wesentliche Gründe.
Die fünf Gründe für Veränderungen des RZF
Neue Eigenleistungen
Zusätzliche Wiegeergebnisse und Bemuskelungsbewertungen liefern neue Informationen.
Neue Nachkommenleistungen
Die Entwicklung der Kälber zeigt, welche Leistungen ein Bulle im Durchschnitt weitergibt.
Leistungen von Verwandten
Neue Daten von Geschwistern, Halbgeschwistern und anderen Verwandten beeinflussen die Schätzung.
Anpassung der Zuchtwertbasis
Durch genetischen Fortschritt kann sich der Vergleichsmaßstab verändern.
Neue Berechnungsverfahren
Eine Weiterentwicklung der Zuchtwertschätzung kann zu veränderten Ergebnissen führen.
Besonders wichtig: die Anpassung der Zuchtwertbasis
Der RZF ist ein relativer Wert. Deshalb wird jedes Tier mit einer bestimmten Bezugsgruppe verglichen. Diese Gruppe wird nach den jeweils geltenden Regeln aktualisiert.
Da die Fleischrinderzucht auf genetischen Fortschritt ausgerichtet ist, verändert sich langfristig auch das genetische Niveau der Vergleichstiere. Ein älterer Angus-Bulle kann deshalb einige RZF-Punkte verlieren, obwohl seine genetische Veranlagung unverändert geblieben ist.
Beispiel einer Basisanpassung
Deshalb sollte man die Zuchtwerte zweier Angus-Bullen möglichst immer vom gleichen Schätztermin vergleichen.
7. Was bedeutet die Sicherheit (Si %)?
Neben dem RZF findet man in den Pedigrees die Angabe Si %. Sie beschreibt die statistische Sicherheit beziehungsweise Genauigkeit des geschätzten Zuchtwertes.
Ein junger Angus-Bulle kann bereits einen RZF von 115 besitzen, obwohl noch keine Nachkommenleistungen vorliegen. Sein Zuchtwert beruht dann vor allem auf den vorhandenen Abstammungs-, Eigenleistungs- und gegebenenfalls genomischen Informationen.
Ein älterer Bulle mit zahlreichen geprüften Nachkommen besitzt normalerweise eine umfangreichere Datengrundlage.
Gleicher RZF – unterschiedliche Sicherheit
Angus-Jungbulle
45 % Sicherheit – noch größere Schätzunsicherheit
Nachkommengeprüfter Angus-Bulle
90 % Sicherheit – genauer abgesicherter Zuchtwert
Eine geringere Sicherheit bedeutet nicht, dass der Jungbulle schlechter ist. Sie bedeutet lediglich, dass sein tatsächlicher genetischer Zuchtwert noch mit größerer Unsicherheit geschätzt wird.
Mit zusätzlichen aussagekräftigen Leistungsdaten wird die Zuchtwertschätzung normalerweise genauer.
8. Vererbt ein Angus-Bulle mit RZF 120 automatisch bessere Kälber?
Nicht zwangsläufig.
Der RZF beschreibt die durchschnittlich zu erwartende genetische Veranlagung der Nachkommen für die berücksichtigten Merkmale.
Ein Bulle gibt bei jeder Anpaarung etwa die Hälfte seiner Erbanlagen an sein Kalb weiter. Welche Kombination das einzelne Kalb erhält, ist unterschiedlich. Außerdem stammt die andere Hälfte der Erbanlagen von der Mutter.
Ein Kalb hat zwei genetische Elternteile
Deshalb können selbst Vollgeschwister sehr unterschiedliche Leistungen zeigen.
Ein Angus-Bulle mit RZF 120 besitzt zwar eine höhere geschätzte genetische Veranlagung für die Merkmale des Fleischzuchtwertes als ein Bulle mit RZF 105. Trotzdem muss nicht jedes einzelne Kalb des ersten Bullen besser sein.
9. Was ist bei der Auswahl eines Angus-Zuchtbullen wichtig?
Der RZF ist ein wertvolles Hilfsmittel für die Zuchtauswahl. Er sollte jedoch niemals allein betrachtet werden.
Gerade bei Angus spielen neben der Fleischleistung weitere Merkmale eine wichtige Rolle. Dazu gehören die Fruchtbarkeit, ein problemloser Kalbeverlauf, gute Muttereigenschaften, gesunde Fundamente, ein passender Körperrahmen und eine möglichst lange Nutzungsdauer.
Auch der RZL, der Relative Zuchtwert Zuchtleistung, kann für die Beurteilung interessant sein. Er berücksichtigt Reproduktionsmerkmale und ergänzt damit die Aussagen des RZF.
Fleisch & Wachstum
RZF, Teilzuchtwerte und eigene Leistungsdaten.
Fruchtbarkeit & Exterieur
RZL, Kalbeverlauf, Fundamente und Muttereigenschaften.
Passung zur Herde
Verwandtschaft, Zuchtziel und Stärken der Kühe.
Ein besonders hoher RZF macht einen Bullen deshalb nicht automatisch zum besten Anpaarungspartner für jede Angus-Herde. Wichtig ist vielmehr, dass seine genetischen Stärken zum Zuchtziel und zu den vorhandenen Kühen passen.
Fazit: Der RZF ist ein wichtiges Werkzeug für die Angus-Zucht
Der RZF ermöglicht es, Angus-Rinder hinsichtlich ihrer genetischen Fleisch- und Aufzuchtleistung miteinander zu vergleichen.
Er setzt sich aus der maternalen Aufzuchtleistung, der täglichen Zunahme und der Bemuskelung zusammen.
Mit neuen Informationen und Veränderungen der Zuchtwertbasis kann sich sein Wert im Laufe der Zeit verändern. Ein sinkender RZF bedeutet deshalb nicht automatisch, dass ein Tier schlechter geworden ist.
Für die praktische Angus-Zucht gilt: Nicht nur die Höhe des RZF ist entscheidend, sondern auch seine Zusammensetzung, seine Sicherheit und die Frage, ob die Eigenschaften des Tieres zum eigenen Zuchtziel passen.
Wer diese Zusammenhänge versteht, kann den RZF gezielt nutzen und fundiertere Entscheidungen bei der Auswahl und Anpaarung seiner Zuchttiere treffen.
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